AUF DEN SPUREN DES SOBEK Festschrift für Horst Beinlich zum 28. Dezember 2012 h

AUF DEN SPUREN DES SOBEK Festschrift für Horst Beinlich zum 28. Dezember 2012 herausgegeben von Jochen Hallof J.H. Röll Studien zu den Ritualszenen altägyptischer Tempel Horst Beinlich / Jochen Hallof (Hg.) SRaT Band 12 - 2012 ISBN 978-3-89754-424-6 INHALTSVERZEICHNIS Vorwort . ......................................................................................................................................................... 7 Christine Beinlich-Seeber, Schriftenverzeichnis Horst Beinlich . ...................................................................... 9 Hartwig Altenmüller, Die Schildkröte in Ritual und Magie des alten Ägypten ............................................. 15 Stephanie Böhm, Alles rennet, rettet - tanzet? . .............................................................................................. 31 Sylvie Cauville, L’art du « copier-coller » à Philæ sous le règne de Tibère ...................................................... 49 Monika Dolinska, Military and Archaeology ................................................................................................ 57 Helga Donder, Ein Thymiaterion aus der ionischen Stadt Milet.................................................................... 65 Andreas Effland, “... we found two Ostraca ... of one of the Psusennes” . ....................................................... 77 Rolf Gundlach, Gedanken zur Struktur ägyptischer Tempel ......................................................................... 89 Jochen und Gabriele Hallof, Die meroitische Inschrift REM 1138 vom Gebel Barkal ................................ 119 Olaf E. Kaper, Departing from Protocol . .................................................................................................... 137 Dieter Kessler, Die juristische Relevanz der Tilgung des Amunnamens durch Echnaton . ............................ 163 Carola Koch, Ein Würzburger Original ...................................................................................................... 173 Dieter Kurth, Zur theologischen Persönlichkeit des Horus von Edfu . ......................................................... 179 Aliki Moustaka, Eine Alexandrinerin in Athen ........................................................................................... 187 Andreas H. Pries, Ein „Nubier“ aus der Mark Brandenburg ....................................................................... 197 Joachim Friedrich Quack, Das Dekret des Amun an Isis ............................................................................ 223 Regine Schulz – Richard Jasnow, From Sobek to Tutu . ............................................................................... 245 Erika Simon, Aiakos und das Urteil des Paris ............................................................................................. 257 Martin Andreas Stadler, Eine neue Quelle zur Theologie des Sobek aus Dimê............................................. 265 Günter Vittmann, Nachlese zur ägyptischen Wegmetaphorik . .................................................................... 275 Wolfgang Waitkus, Sind die Osiriskatakomben in Karnak-Ost die endgültige Begräbnisstätte der Osirisfigurinen? ........................................................................................................................... 297 Schildkröte in Ritual und Magie 15 1 Einleitung Die nachfolgende Untersuchung befasst sich mit der Frage nach der Rolle der Schildkröte in der Magie des Mittleren Reiches. Bei der Recherche hat sich ge­ zeigt, dass einschlägige hermeneutische Probleme zur Schildkröte nur mit Hilfe später Quellen gelöst wer­ den können. Eine zentrale Position nehmen dabei die Texte und Darstellungen der Tempel aus griechisch- römischer Zeit ein, die lange Jahre im Zentrum der Forschung von Horst Beinlich standen. Mit Hilfe der von ihm erfassten Texte und Bilder wird versucht, die altägyptischen Vorstellungen zur Schildkröte aus der älteren Zeit schärfer zu konturieren. Ausgangspunkt ist ein Gegenstand der ägyp­ tischen Lebenswirklichkeit. Bei ihm handelt sich um eine kleine Schnabeltasse, die heute im MMA unter der Inventar-Nummer 44.4.4 aufbewahrt wird (Abb. 1).1 Die Schnabeltasse wurde in der Nekropole von Lischt westlich von der Pyramide Amenemhets I. im Schutt in einem Korb liegend gefunden und war wohl nicht Bestandteil einer Grabausstattung. Sie besteht aus blauer Fayence, hat relativ kleine Ausmaße (H. 3,5 cm; Dm. 8 cm) und besitzt einen breiten oberen Lippenrand mit Vorrichtungen zum Verschließen mit einem Deckel. Die Außenseite ist mit einem antithe­ tisch aufgebauten Bildfries geschmückt. Er be­ ginnt auf beiden Seiten am Ausguss und endet in ei­ ner weiblichen besgestaltigen Gottheit, die mittig auf der zum Gefäßausguss entgegengesetzten Seite steht. Auf der rechten Seite sind von rechts nach links die folgenden Figuren abgebildet: à eine Schildkröte, à ein schreitender Löwe, über dem sich à eine Kobra windet, à ein sogenannter Schlangenhalspanther, über dessen Rücken ein Messer zu sehen ist, à eine aufgerichtete Löwengottheit, die eine Schlange ver­ zehrt und à ��������������������������������������� der besgestaltige Gott Aha, der Schlan­ gen fasst. Auf der gegenüberliegenden linken Seite ist die gleiche Reihe mit weitgehend denselben Tier­ mächten spiegelbildlich dazu angeordnet. Von links nach rechts folgen aufeinander: ß die Schildkröte, ß ein schreitender Löwe mit einer Kobra über dem 1 Fischer, Turtles, 33 Nr. 95, Taf. 20; Patch, Gifts of the Nile, 105 Nr. 67; Allen, Art of medicine, 30-31 Nr. 23. Rücken, ß ein sogenannter Schlangenhalspanther mit einem Messer am Rücken, ß eine aufgerichtete Nilpferdgottheit mit Messer und Schutzzeichen so­ wie als Abschluss ß der besgestaltige Gott Aha. Aufgrund der Zusammensetzung der Figuren, die in ähnlicher Form auf den Zaubermessern des MR vorkommen und dort dem Schutz des Kindes, seiner Mutter oder Amme dienen, ist ziemlich sicher, dass die Schnabeltasse für ein Kind bestimmt war. Ver­ mutlich sollten die Tiermächte zusammen mit der in das Gefäß eingefüllten Flüssigkeit den Leib und das Leben des Kindes schützen.2 Die Tatsache, dass zu beiden Seiten des Ausgusses der Schnabeltasse eine Schildkröte (des Typs trionyx triunguis)3 dargestellt ist, hat Gutbub zu der Annah­ me geführt,4 dass die dort platzierte Schildkröte den Ausfluss der Flüssigkeit kontrollieren sollte. Er hält die Schildkröte an dieser Stelle des Gefäßes für eine positiv konnotierte Tiermacht, ein « animal cosmique béné­ fique ».5 Gutbub weist darauf hin, dass die von ihm vorgenommene positive Bewertung der Schildkröte nicht verallgemeinert werden darf. Denn eine Vielzahl von Belegen zeigt, dass die Schildkröte in der Vorstel­ lungswelt des alten Ägypten eine ambivalente Rolle spielte. Sie wird teils als feindliche, teils als rettende Tiermacht betrachtet. Diesen Doppelaspekt der Schild­ kröte haben B. van de Walle6 und H. G. Fischer7 in zwei grundlegenden Untersuchungen zur Schildkröte hervorgehoben. Van de Walle legte dabei den Schwer­ punkt seiner Untersuchung auf die mit der Schildkröte verbundenen religiösen Implikationen, Fischer räumte dem archäologischen Material Priorität ein. 2 Aufgrund der Ähnlichkeit des an der Außenseite angebrach­ ten Figurenfrieses mit den Tiermächten der Zaubermesser wurde das Gefäß unterschiedlich gedeutet, als “nursing cup” für das Kind (Fischer, Turtles, 33; Allen, Art of medicine, 30) oder als ein Gefäß “used to give a specific type of drink, perhaps medicine, to a young child” (Patch, Gifts of the Nile, 105). 3 In Ägypten existierten neben Trionyx triunguis die Land­ schildkröte (Testudo kleinmanni) und die Salzwasserschild­ kröte (Chelonia imbricata). 4 Gutbub, Tortue, passim. 5 Gutbub, Tortue, 435. 6 Van de Walle, Tortue, passim. 7 Fischer, Turtles, passim. Die Schildkröte in Ritual und Magie des alten Ägypten Hartwig Altenmüller (Hamburg) 16 Schildkröte in Ritual und Magie Die Schwierigkeiten für die Bestimmung der Be­ deutung der Schildkröte auf der Schnabeltasse aus Lischt sowie auf den Zaubermessern des MR ergeben sich aus dem ambivalenten Wesen der Tiermacht. Zur Klärung dieser Frage werden im Folgenden vier Aspekte der Schildkröte betrachtet. (1) Der Aspekt der Schildkröte in den Ritualbildern der Tempel der griechisch-römischen Zeit; (2) der Aspekt der Schild­ kröte in den Aretalogien des Sobek von Kom Ombo; (3) der Aspekt der Schildkröte in den Drohformeln der religiösen Texte; und (4) der Aspekt der Schild­ kröte im Zauber für Mutter und Kind. 2 Die Verfemung der Schildkröte als Götterfeind 2.1 Das Töten der Schildkröte in den Ritualbildern der Tempel der griechisch-römischen Zeit Die Verfemung der Schildkröte als Götterfeind wird im Papyrus Bremner-Rhind in einer Litanei, die an verschiedene Hochgötter, darunter an Re, Horus, Amun-Re, Ptah, Atum, Thot, bis hin zum König gerichtet ist, deutlich ausgesprochen. Darin wird die Schildkröte mit Apophis, dem Erzfeind des Sonnengottes, gleichgesetzt (25,19).8 Der handelnde Priester stellt fest: „Ich habe Apophis, den Rebell, die Schildkröte, den Bösen, die Kinder der Empörer an allen ihren Stätten und an dem Ort, an dem sie waren, gefällt. Ich habe alle Feinde des Re an allen ihren Stätten und an jedem Orte niedergeworfen, an dem sie waren.“ Der negative Aspekt der Schildkröte wird auch in den Ritualbildern der Tempel der griechisch-römischen Zeit deutlich. H. Beinlich hat 18 Ritualdarstellungen aus der Zeit Ptolemaios III. Euergetes I. (246-222) bis hin zu Domitian (81-96) zum Thema des Tötens der Schildkröte zusammengestellt (Abb. 2; siehe Anhang I). In diesen Darstellungen trägt die Schildkröte unterschiedliche Namen. Sie ist „die Schildkröte“ (Stw) oder „der Genosse des Apophis“ (Tztj n aApp), die es zu töten gilt. Andere Namen sind „Brot und Bier“ (tA-Hnqt),9 „Feigling“ (Hmtj),10 Techeb,11 Ka- meneh,12 „Ungeheuer“ (wAmmtj),13 und ähnlich. Die Ritualtitel lauten: „Töten der Schildkröte“ (smA Stw) 8 pBremner-Rhind 25,19 = Faulkner, Papyrus Bremner-Rhind (British Museum No. 10188), 54-55; Faulkner, Papyrus Bremner-Rhind III, 171. 9 Gutbub, Tortue, 426. 10 Kurth, Edfou VII, 287. 11 Gutbub, Tortue, 426. 12 Sauneron, Remarques, 1 (§ 36). 13 Aufrère, Propylône, 181. bzw. „Töten des Genossen des Apophis“ (smA Tztj n aApp). Die Handlungen bestehen aus einem Töten mit dem Speer (Hms m Hmtj), einem Schlachten (sfT), einem Zerschneiden (Sad), einem Zerstückeln (dbdb), einem Vertreiben (dr) und aus ähnlichen Handlungen des Vernichtens. Die Handlungen werden vom König vor dem Sonnengott oder einer Gottheit, die mit dem Sonnengott gleichgestellt ist, durchgeführt. Am häufigsten sind als Ritualempfänger die Götter Re-Harachte, Horus von Edfu und Month-Re ge­ nannt. In Esna ist Chnum der Ritualempfänger. Die Ritualtexte selbst sind unterschiedlich formuliert. In der Barkenkapelle von Dendera tötet Ptolemaios VIII. Euergetes II. für den Sonnengott Re die Schildkröte und spricht: „Ich komme zu dir, Behedeti, Bunt an Gefieder, Re, der über den Himmel fährt. Ich töte (sfT=j) die Schildkröte, ich zerstückle (dbdb=j) die Schildkröte, damit deine Barke mit gutem Wind fährt.“14 In Philae nimmt Ptolemaios XII. Neos Dionysos die Gestalt des Onuris an und ersticht die Schildkröte vor einem Bild des Re. Er beschließt sei­ ne Rede vor Re-Harachte mit den Worten: „Siehe, dein Schiff segelt zum Westen“.15 Der Zweck der Ritualhandlungen ist deutlich. Die Schildkröte ist der Götterfeind, der die Weiterfahrt der Sonnenbarke am Himmel gefährdet. Dahinter steht der Gedanke, dass die Schildkröte das uploads/Geographie/ hartwig-altenmueller-die-schildkroete-in-ritual-und-magie-des-alten-aegypten.pdf

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