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ROELLI – Vulgärlatein – FS 09 1 Vulgärlatein mit Ausblick auf die Entwicklung der romanischen Hauptdialekte Einführung mit Textbeispielen von Ph. Roelli Universität Zürich 1. Definition und Charakterisierung des Vulgärlatein S. 2 Lektüre aus der Appendix Probi 2. Vorgeschichte in der Antike S. 9 Lektüren: Graffiti aus Pompeii, Kaufvertrag einer Sklavin, Petronius, Cena Trimalchionis 3.Überblick über die theoretischen Schriften der Grammatiker S. 12 Lektüre aus Alcuin’s De orthographia und De grammatica 4. Literarische Zeugnisse mit “vulgärem” Einschlag S. 14 Lektüre aus Egeria, Anthimius, Fredegar. 5. Informelle Quellen im frühen Mittelalter S. 16 Lektüre: Glosarium biblicum, ein Hagelzauber, ein westgotischer Psalm 6. Regionale Weiterentwicklung zu den Romanischen Sprachen 6.1 Allgemeines: Regionale Entwicklungen, Gruppierungen, Isoglossen S. 18 6.2 Sardinien S. 22 Lektüre: Privilegio logudorese 6.3 Italien S. 23 Lektüre: Indovinello Veronese, Franz v. Assisi, Laudes creaturarum 6.4 Iberische Halbinsel S. 25 Lektüre: Glosas Emilianenses, 2 Kharjas 6.5 Frankreich S. 27 Lektüre: Eid von Straßburg, St. Eulalia Sequenz 6.6 Rumänien S. 29 Lektüre: Brief des Neacşu von Cîmpulung ROELLI – Vulgärlatein – FS 09 2 1. Charakterisierung des Vulgärlatein - Problem: wir kennen klassisches Latein und verschiedene romanische Hochsprachen (in größeren Mengen ab ca. dem 12. Jh.), die bereits weit vom Latein entfernt stehen. → Die klassische Hochsprache verschleiert also rund ein Jahrtausend lang die sprachliche Entwicklung. - “Vulgärlatein” soll diese Zwischenstufen bezeichnen: gesprochenes Latein, das den hochsprach- lichen Normen fern steht: Sermo vulgaris, sermo familiaris = lateinische Umgangssprache. Vulgär- latein braucht also keineswegs “vulgär” zu sein! - “Vulgärlatein” ist ein problematischer Begriff, wegen großer diachroner, diatopischer (vgl. unten) und diastratischer Heterogenität. Es handelt sich also eher um eine Gruppe von Sprachschichten, als um eine “Sprache”. Zudem lassen sich die meisten vulgärlateinischen Charakteristika schon zur Zeit der “goldenen” Latinität (und davor!) beobachten, besonders in der Unterschicht (vgl. nächstes Kapitel). - Genaue Definition umstritten. Am besten wohl eine weite Definition: Jenes Latein, das von den Grammatikern abgelehnt wurde, aber gesprochen wurde (Jószef HERMAN), bis sich dieses zu neuen Hochsprachen formiert (den romanischen Sprachen). - Vulgärlatein ist also eine historisch an konkreten, meist informellen, Zeugnissen fassbare Sprach- schicht. Damit unterscheidet es sich vom statisch-erschlossenen ‘Urromanisch’ (frz. ‘proto-roman’, engl. ‘Proto-Romance’). Ein einheitliches “Urromanisch” in Analogie zum Urindogermanischen (engl. ‛Proto-Indoeuropean’, PIE) als einheitliche Vorstufe der romanischen Sprachen zu postulieren, ist allerdings heikel, da im räumlich sehr großen Sprachraum (≈ der westlichen Hälfte des römischen Reiches) mit großer diatopischer und diastratischer Varietät zu rechnen ist. Dazu kommt starker Bevölkerungsaustausch zwischen den verschiedenen Regionen, der zu einer starken gegenseitigen horizontalen Beeinflussung führte. Die Details zur räumlichen und zeitlichen Entwicklung des gesprochenen Latein in Spätantike und Frühmittelalter sind noch weitgehend unerforscht (vielerorts sind auch die Quellen spärlich). Insbesondere die starke Konkurrenz der Hochsprache führt zu dieser spärlichen Quellenlage. Es gibt keine Texte, die sich vollumfänglich mit “vlat.” benennen ließen, sondern nur Texte, in welche derartige Einzelzuge in mehr oder weniger dichter Folge einge- schlossen sind. “Vulgärlatein” meint im Grunde: Sprache im unmittelbaren mund- lichen Austrag. Jede Verschriftung mundlicher Rede aber verändert diese in irgend- einer Weise; mithin ist uns Vlat. immer nur in gebrochener Form uberliefert. [STOTZ, Handbuch, Bd. 1] Quellen - Literarische Quellen. Besonders ergiebig sind alltagsnahe Schriften (z.B. Briefe, Fachliteratur) und Schriften aus der Unterschicht (z.B. frühe christliche Literatur); dazu kommen Grammatiker- schriften, die Fehler und Vulgarismen rügen. Weiter Glossen, insbesondere Worterklärungen für klassische Ausdrücke, die mit dem geläufigen ugs. Ausdruck erklärt werden. - Außerliterarische Quellen: Inschriften (z.B. Grabinschriften, Graffitis), Tabellae defixionum, Ostraka, Papyri (lat. Papyri sind allerdings selten). ROELLI – Vulgärlatein – FS 09 3 - Wenn man bei der Verschriftung einen vermeintlichen Vulgarismus vermeiden möchte, entsteht eine “hyperkorrekte” Form. Z.B. kann jemand der weiß, dass unbetonte Silben in der Umgangs- sprache oft synkopiert werden, fälschlich omines statt omnes schreiben. → Sowohl aus “Fehlern” (i.e. Abweichungen von der klassischen Norm) als auch aus hyperkorrekten Formen kann man Rückschlüsse auf die gesprochene Sprache ziehen. Zeitraum - Kernzeit: Spätantike und Frühmittelalter. Doch “vulgäres” (im obigen Sinne) Latein schon seit es Latein gibt (vgl. nächstes Kapitel). - Weiterentwicklung zu den romanischen Sprachen (vgl. 2. Semesterhälfte). Das Vulgärlatein ist das gesprochene Latein. Es könnte auch Romanisch heißen. Die einzelnen rom. Sprachen sind nicht Töchter des Vlt., sondern selbst Vlt., d.h. seine Spielart. [VOSSLER, S. 48] - Die wichtigsten Veränderungen gegenüber dem klassischen Latein seien hier zusammengefasst. Auf räumliche und zeitliche Unterschiede wird hier vorerst nicht eingegangen. Diese werden wir im Verlauf des Kurses an den Beispieltexten versuchen zu verfolgen. Räumliche Verbreitung Abb. 1 Karte der Verbreitung der lateinischen Sprache im fünften Jahrhundert (aus MULLER & TAYLOR, S. i). ROELLI – Vulgärlatein – FS 09 4 Abb. 2 Heutige Verbreitung der romanischen Sprachen (Karte von Yuri KORYAKOV (Internet), leicht verändert). → Das lateinische Sprachgebiet ist erstaunlich stabil geblieben. Einzig folgende Provinzen hat es eingebüsst: Africa (heute: arabisch, Berbersprachen); Illyria (heute slavische Sprachen); Germania (heute: deutsch); Armorica (heute wieder keltisch); Britannia (angelsächsisch, allerdings seit 1066 wieder stark romanisiert). In der Kolonialzeit haben sich die romanischen Sprachen Spanisch, Französisch und Portugiesisch außerhalb Europas stark verbreitet. Schreibweise für Lautgesetze A → B /X_Y = “Laut A wandelt sich zu Laut B, wenn er zwischen X und Y steht”. häufige Abkürzungen: * steht für rekonstruierte Formen; V für beliebigen Vokal; K für einen Konsonanten; ∅ für Null (d.h. kein Laut); #Wortanfang oder -ende. → lautgesetzliche Entwicklung (trifft man auch als > an) >> Analogische, nicht-lautgesetzliche Entwicklung / Umgebung, in der der Lautwandel geschieht \ außer ROELLI – Vulgärlatein – FS 09 5 Sprachliche Charakterisierung des “Vulgärlatein” Zunächst unter Vernachläßigung diachroner, diatopischer und diastratischer Unterschiede. Phonetik: Vokalismus Beobachtungen: - Verwechslung von ehemaligem ē und ĭ, z.B. militis statt milites, menus statt minus; manchmal (meist unbetont) sogar i für ĕ: facire statt facere. - Verwechslung von ehemaligem ō und ŭ, ambolabat statt ambulabat. manchmal (meist unbetont) sogar u für ŏ: dulure statt dolore. - In unbetonten Silben ist mit weiterer Schwächung zu rechnen, öfter o zu u und e zu i, daneben auch Synkopierung (die schon das klassische Latein oft aufweist) z.B. sinatus statt senatus; fricda statt frigida. - Vor Konsonantengruppen am Anfang eines Wortes können prothetische Vokale treten, z.B. esponsa statt sponsa. Dies geschieht auch heute noch im Span. (z.B: Escocia, especial) und hinterließ Spuren im Ital. (lo zio, nicht “il zio”). - e → i̯ /_V wird oft zum Halbvokal, z.B. Ocianum statt Oceanum; ähnlich schwindet Halbvokal vor Vokal oft, z.B. dodece statt duodecim, cottidie statt quotidie, oder debus statt diebus. Rückschlüsse auf die Aussprache: In betonten Silben: Klassisch ă ā ĕ ē ĭ ī ŏ ō ŭ ū ╲ ╱ │ │ │ │ │ │ │ │ Quantitatenkollaps a ε e ı i ɔ o υ u (→ Sardisch) │ │ ╲ ╱ │ │ ╲ ╱ │ “Vulgärlatein” a ε e i ɔ o u (→ die anderen romanischen Sprachen). Genaueres zu regionalen Unterschieden, vgl. unten Kap. 6. In unbetonten Silben: Klassisch ă ā ĕ ē ĭ ī ŏ ō ŭ ū ╲ ╱ ╲ │ ╱ │ ╲ │ ╱ │ “Vulgärlatein” a e i o u Diphthonge - Noch in der Antike wurden æ und œ monophthongisiert [i.e. von /aḙ/ und /oḙ/ zu /ε:/, zweiteres regional auch zu /œ:/] - au, insbesondere vor u in der nächsten Silbe, wird manchmal zu a vereinfacht, z.B. Agustus statt Augustus, manchmal auch zu o (so später in den meisten romanischen Dialekten), z.B. clodam statt claudam, Ansätze schon in der Antike, vgl. zu Ciceros Zeiten der Politiker Publius Clodius Pulcher. Clodius nannte sich aus politischen Gründen so: die Form mit o statt au klang volksnahe/plebejisch. Konsonanten - h schon in der Antike kaum mehr gesprochen (v.a. in der Unterschicht? - vgl. Nigidius Figulus in Gellius XIII,6,3: rusticus fit sermo, si adspires perperam). Im Mittelalter immer stumm, außer in michi und nichil (vgl. span. aniquilar!), die zur Verdeutlichung meist so geschrieben werden. - Stimmlose Verschlusslaute werden oft (v.a. intervokalisch) stimmhaft. Ebenso in vielen romanischen Dialekten: Verwechslung von p/b: plasphemare, accibimus. – Verwechslung von c/g: miga, consegratus. - Stimmhafte Verschlusslaut werden zu Reibelauten (so noch im span.). Dies kann sich für d und g kaum in der Schrift äußern, bei b allerdings schon, als v (das selber erst seit dem 1. Jh. labiodental ROELLI – Vulgärlatein – FS 09 6 ausgesprochen wird, vorher war es ein bilabialer Halbvokal): bivo, benite, avetat statt habitat. Manchmal Ausfall von intervokalischer Media: laudaelis statt laudabilis; umgekehrt quodusque statt quousque. - Nasale vor Konsonant und besonders oft am Wortende können fehlen. Also Nasalisierung von VN → Ṽ /_C oder_#. Z.B. mesa statt mensam (Aussprache wohl als /mẽsã/). - Assimilation eines Konsonanten an den folgenden (insbesondere ital.): scrittum statt scriptum; set, aput vor stimmlosem Konsonant. Sehr oft x → s, z.B. sprendunt statt exprehendunt. - Vereinfachung der Geminaten (außer im Ital.): quatuor, buca; umgekehrt: manni (statt manus). Diese einfachen Verschlusslaute bleiben im Gegensatz zu den ursprünglichen aber bestehen: vgl. span. boca, aber amiga (→ relative Chronologie). - Palatalisierung ab dem 3. Jh.: g /_e/i, di /_V → (d)ᴣ und c /_e/i, ti /_V → (t)ʃ (Details im Kapitel 6). In der Schrift äußert sich dies meist nur indirekt, da es keine Schriftzeichen für uploads/Litterature/ roelli-vulgaerlatein.pdf

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