Veröffentlicht auf kubi-online (https://www.kubi-online.de) Ambivalenz des Ästh

Veröffentlicht auf kubi-online (https://www.kubi-online.de) Ambivalenz des Ästhetischen. Künste zwischen Affirmation und Protest Theoretische Nachbetrachtungen zu Ästhetik-Diskursen während der Fachtagung „Vermessung Kultureller Bildung. Streitfälle" von Max Fuchs Erscheinungsjahr: 2014 Stichwörter: Evidenz | Pathologien der Moderne | Rolle des Ästhetischen Vorbemerkung: Das Problem mit der Evidenz Die derzeitige Konjunktur der kulturellen Bildung wird – auch von denen, die in diesem Feld arbeiten – nicht nur mit Begeisterung wahrgenommen. Man ist vielmehr irritiert, da man sich neuen Akteuren gegenübersieht, deren Interessen noch unklar sind. Zudem ist man konfrontiert mit Fragestellungen, die zwar nicht neu sind, die nun jedoch gleich aus zwei Bereichen mit Vehemenz formuliert werden: Die Politik fragt danach, welche Wirkungen in der kulturellen Bildungsarbeit überhaupt belegt werden können und fordert „Evidenz“. Die Wissenschaft wiederum greift diese Forderung nicht nur auf, sondern verstärkt sie noch durch die Behauptung entsprechender Forschungslücken, wobei explizit oder implizit das Versprechen mitschwingt, bei entsprechender Forschungsförderung diese Lücken schließen zu können. Nun mag man diesen Prozess durchaus als einen weiteren Schritt auf dem Wege zur Professionalisierung des Feldes verstehen. Andere pädagogische Felder kennen dies bereits seit langem (z. B. Schulpädagogik oder Sozialpädagogik) und man hat sich auf das Zusammenspiel verschiedener Akteure eingestellt. Gerade die Schulpädagogik musste sich – von Anfang an – daran gewöhnen, dass sich viele Akteure in ihrem Feld tummeln, was allerdings auch normal ist, wenn man die Relevanz der Schule in der Gesellschaft zur Kenntnis nimmt. Denn die Schule ist nicht bloß ein wichtiger Bildungs-, Erziehungs- und Sozialisationsort in der Biografie des Einzelnen, sie kostet auch viel Geld. Zudem spielt sie in der Konstitution der Subjekte eine entscheidende Rolle: In der Schule wird wesentlich darüber entschieden, wie sich Wirtschaft, Kultur, Politik und Soziales weiter entwickeln. Es ist dabei immer schon in der Philosophie und in der Pädagogik bekannt gewesen, dass die Bedeutung der Schule sich daraus erklärt, dass kein Staat die Formung „seiner“ Subjekte dem Zufall überlässt. Zu viel – auch im Hinblick auf seine eigene Legitimität – hängt von der Akzeptanz der - 1 - nachwachsenden Generation ab. Daher gibt es keine gesellschaftliche Gruppe (Gewerkschaften, Parteien, Kirchen, berufsständische Organisationen, Wirtschaftsverbände etc.), die sich nicht früher oder später über Schule äußert. Wir haben es hier also mit einem ausgereiften System zu tun, in dem fachliche, weltanschauliche, berufspolitische, wissenschaftliche etc. Dimensionen gleichermaßen eine Rolle spielen. Das bedeutet insbesondere, dass in der Kommunikation über Schule Kategorien von Wahrheit, Macht oder Geld durchaus um Relevanz oder sogar um das Deutungsrecht ringen. Selbst in dem Feld, das sich der „Wahrheit“ verpflichtet fühlt, nämlich in der Forschung und der Wissenschaft, spielen Kategorien der Macht und des Geldes eine wichtige Rolle: Man kämpft um Drittmittel und um Einfluss in der Gestaltung des Systems. Soweit eine kurze Skizze eines entwickelten pädagogischen Bereichs. Die Kulturpädagogik ist von diesem Zustand noch weit entfernt. Möglicherweise ist die aktuelle Konjunktur kultureller Bildung ein wichtiger Entwicklungsschritt. Möglicherweise ebbt aber das Interesse bald wieder ab. In jedem Fall wird man – in welcher Form auch immer – sich an dem Diskurs-Spiel beteiligen müssen. Im vorliegenden Text will ich daher versuchen, in reflexiver Selbstkritik – also aus dem Feld heraus – einige Überlegungen anzustellen, die in dem gegenwärtigen „Hype“ um kulturelle Bildung möglicherweise zu kurz kommen. Denn das neue Interesse an kultureller Bildung bei einigen neuen Akteuren (Politik, Stiftungen, Wissenschaft) scheint sich insbesondere an einem Interesse an einer Evidenzbasiertheit zu bündeln. Ein Problem ist hierbei meines Erachtens eine gewisse Engführung dessen, was „Evidenz“ bedeutet: Es geht nämlich primär um empirische Methoden, wobei hierbei den quantitativen gegenüber den qualitativen Methoden der Vorrang gegeben wird. Dies ist natürlich zunächst nicht nur kein Problem, sondern ein Qualitätsmerkmal von Wissenschaft spätestens seit der Wissenschaftlichen Revolution zu Beginn der Neuzeit (Fuchs 1984). Auch scheint die Etymologie dieser Bevorzugung empirischer Methoden recht zu geben: Es steckt nämlich hinter dem Begriff der Evidenz das lateinische Wort „sehen“ (videre). Es hat also etwas mit – streng kontrollierter – Wahrnehmung zu tun. Doch zeigt die Geschichte des philosophischen Umgangs mit „Evidenz“, dass es je nach philosophischem Ansatz sehr unterschiedliche Weisen der Evidenz-Herstellung gibt. In jedem Fall geht es im wissenschaftlichen und philosophischen Kontext nicht bloß um einen Appell an eine durch Wahrnehmungsprozesse induzierte Gewissheit, sondern es geht um das Wechselspiel zwischen Theorienbildung und empirischer Überprüfung, ganz im Sinne Kants, demzufolge Begriffe ohne Empirie leer und Empirie ohne Begriffe blind sei. Genau dieses Wechselspiel zwischen Theorie und Empirie scheint zurzeit durch eine einseitige Konzentration auf Empirie gestört zu sein. Dabei gibt es nicht nur die hinreichend beschriebenen Forschungsdefizite im Bereich der empirischen Wirkungsnachweise, sondern es gibt einen erheblichen Forschungsbedarf im Hinblick auf theoretische und historische Fragen rund um kulturelle und ästhetische Bildung. Wer diese Fragen vernachlässigt, muss sich nicht wundern, wenn er/sie blind in Fallstricke gerät, für deren Existenz ihn eine historische und theoretische Vergewisserung der Grundlagen sensibilisiert hätte. Dies gilt gerade für den Bereich des Ästhetischen. Dies soll im Folgenden an einigen wenigen Überlegungen aufgezeigt werden. Man sollte sich dabei nicht darüber wundern, dass ich die dunklen Seiten des Ästhetischen in den Vordergrund stelle. Warum ich dies tue, wird sich im Laufe der Arbeit sicherlich klären. - 2 - Das Ästhetische – Eine Erfolgsgeschichte der Moderne? Das Ästhetische ist, insbesondere im Zusammenhang mit Bildung, nicht nur kein isoliertes Feld, sondern vielmehr aufs engste verbunden mit außerkünstlerischen Entwicklungen (Eagleton 1994). Man muss sich nur in Erinnerung rufen, dass sich unsere heutige grobe Aufteilung der Philosophie in Erkenntnistheorie, Ethik und Ästhetik zwar auf eine Traditionslinie bis zu den Griechen beziehen kann: Eine Eigenständigkeit der Felder, so wie wir sie heute kennen, ist allerdings erheblich jüngeren Datums. Ein zentrales Datum ist dabei das Werk von Alexander Baumgarten Mitte des 18. Jahrhunderts, der den Begriff der Ästhetik und eine neue Deutung des Arbeitsfeldes in den Fachdiskurs eingeführt hat – freilich mit Widerständen bis tief ins 19. Jahrhundert (Fuchs 2011). Natürlich hat man über das Schöne – gerade in der Verbindung mit dem Guten und dem Wahren – immer schon nachgedacht. Aber diese Beziehung war immer als Einheit gedacht, gerade in pädagogischen Überlegungen. Mit der Moderne ergibt sich allerdings ein Prozess der Ausdifferenzierung, der alle gesellschaftlichen Felder und letztlich auch die disziplinären Fachstrukturen in den Wissenschaften und in der Philosophie erfasst. Es geht um einen Prozess der Autonomisierung, darum also, dass sich immer mehr Bereiche im realen und im geistigen Leben segmentieren und sich selbst die Regeln des Handelns innerhalb dieses Feldes geben wollen. In den Künsten geschieht das in der Realität im 18., spätestens im 19. Jahrhundert (als ein Beispiel: Schmidt 1989). Reflektiert wurde dieser Prozess mit dem schillernden Begriff der „Autonomie“, der deshalb schillert, weil es nie so ganz klar ist, wessen Autonomie gemeint ist: der Bereich der Künstler (als Produzenten von Kunstwerken), das Feld einer autonomen Kunstrezeption, der sich herauskristallisierende Kunstmarkt, der Kunstdiskurs mit seinen verschiedenen Akteuren (Künstler, Kuratoren, Kritiker, Händler, Sammler, Ausbildungsstätten, Kunstwissenschaftler etc.). Eine Besonderheit im Kunstbereich scheint allerdings darin zu bestehen, dass man sich im Hinblick auf „Autonomie“ als etwas Besonderes auffasst, obwohl ein solcher Autonomisierungsprozess der verschiedenen Felder der „normale“ Entwicklungsweg in der sich ausdifferenzierenden Moderne ist. Dies ist allerdings bereits eine erste wichtige Feststellung: Es gibt eine besondere Variante eines ästhetischen Sonderwegsbewusstseins, das nicht zur Kenntnis nehmen will, dass Autonomisierung kein Alleinstellungsmerkmal der Künste ist (vgl. etwa Schneewind 2007). Auch die Künste und ihre Systeme sind also eingebettet in gesellschaftliche Prozesse. Doch wie hängt deren spezifische Entwicklung mit den Entwicklungen anderer Bereiche zusammen? Eine Geschichtsschreibung dieses Feldes hilft nur begrenzt weiter (natürlich gibt es Ausnahmen: Hauser 1972, Fischer-Lichte 1993). Denn während man in den Überlegungen zur Genese der Erkenntnistheorie kaum die Entwicklung der Erkenntnisinstrumente (und damit die entsprechenden gesellschaftlichen Veränderungsprozesse) vernachlässigen kann, während man ebenso im Bereich der Moralphilosophie auf alte und neue gesellschaftliche Problemlagen hat reagieren müssen, konnte man offenbar im Bereich des Ästhetischen (und der ästhetischen Bildung) diese soziale Eingebundenheit weitgehend vernachlässigen. Dabei zeigen die Arbeiten zur Ästhetik der Neuzeit, gerade bei den französischen und englischen Ästhetikern des 18. Jahrhunderts, wie stark diese Denker die Künste im Hinblick auf ihre gesellschaftlichen Aufgaben reflektiert haben. Die Frage ist also zu stellen, wieso es immer wieder zu Konjunkturen des Ästhetischen (in Theorie und Praxis) gekommen ist (vgl. Eagleton 1994, Kösser 2006). - 3 - Eine erste Erkenntnis wurde hinreichend oft beschrieben: Es gibt einen engen Zusammenhang zwischen der Thematisierung des (bürgerlichen) Subjekts der Moderne und ästhetischen Fragen. Dies bedeutet, dem Zusammenhang zwischen den Konstitutionsbedingungen der realen Künste und ihrer theoretischen Reflektion auf der einen Seite und den Konstitutionsbedingungen des bürgerlichen Subjekts andererseits nachzugehen. Hierbei liegt es auf der Hand (ist es „evident“), dass die Frage des richtigen Verhaltens im sozialen Kontext und die Frage der Schönheit über die Brückenkategorie des Geschmacks verbunden werden (siehe hierzu Taylor 2009). Hinzuweisen ist hier auf das Werk etwa von Knigge. Das Ästhetische hatte die klare Funktion einer Vorbereitung des Einzelnen auf seine gesellschaftlichen Aufgaben in der sich entwickelnden modernen bürgerlichen Gesellschaft. Es ist dabei festzustellen, dass dieser Prozess parallel zu der Ausdifferenzierung und Autonomisierung des Kunstfeldes verläuft. Daher ist zu fragen, wieso man ausgerechnet ein scheinbar sich nach außen abschottendes („autonomes“) Feld dafür geeignet hielt, eine zentrale gesellschaftliche Funktion uploads/Litterature/ ambivalenz-des-aesthetischen-kuenste-zwischen-affirmation-und-protest.pdf

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